03.11.2025 Adrian Rudershausen
- Interview
- Zusammenarbeit
- KI
- Hybride Intelligenz
„Uns geht es nicht um Automatisierung, sondern um Zusammenarbeit.“
Wie kann KI nutzenstiftend in Organisationen und Arbeitsprozesse integriert werden? Wie wird aus einem KI-Tool ein echtes Gegenüber, damit Mensch und Maschine tatsächlich produktiv zusammenarbeiten? Diesen Fragen gehen wir mit einem interdisziplinären Team aus Beratung, Gestaltung, Forschung, Kommunikation und IT nach – gemeinsam mit dem Researcher und KI-Spezialisten Adrian Rudershausen.
Im Interview erklärt Adrian, warum „co-produktive KI“ neue Perspektiven für Organisationen im Kultur- und Bildungsbereich eröffnet und was es braucht, damit diese Idee in der Praxis funktioniert.
Adrian, ihr versteht KI nicht als Tool, sondern als Teammitglied. Wie genau kann man sich das vorstellen?
Wir nutzen Conversational AI, also Sprachmodelle wie Mistral, ChatGPT, Claude, Gemini, und statten sie mit Funktionen, Wissen und Können aus, damit sie eine bestimmte Aufgabe gut bearbeiten können. Das Ziel ist aber nicht, autonome Bots zum Erledigen dieser Aufgaben zu erschaffen. Uns geht es um die Zusammenarbeit mit Menschen. Wir schauen gemeinsam mit Organisationen, wie KI dort sinnvoll als Partnerin eingesetzt werden kann. Wo kann sie unterstützen und assistieren, wo vermitteln und begleiten?
Uns geht es um echte Zusammenarbeit und die Frage, welche neuen Möglichkeits- und Gestaltungsräume sich dadurch eröffnen. Unser Ziel ist ein Mensch-Maschine-Teamwork, bei dem beide Seiten ihre Stärken ausspielen können, bei dem Mensch und KI ihre Fähigkeiten kombinieren und gemeinsam mehr erreichen können.
Was braucht es, damit eine KI wirklich mit Menschen zusammenarbeiten kann?
Wenn wir KI entwickeln, die mit Menschen interagieren soll, die co-produktiv sein soll, müssen wir mehr machen, als ein gutes Werkzeug zu bauen. Zusammenarbeit bedeutet, dass ich ein Gegenüber habe, mit dem ich mich austauschen kann. Eine Person und Persönlichkeit, mit der ich Kontakt aufnehme und im Gespräch sondiere, wer das ist, wie ähnlich oder verschieden wir sind, was wir können, was wir wollen. Wir stellen uns aufeinander ein, kombinieren unser Wissen und unsere Fähigkeiten. Wir verständigen uns auf ein gemeinsames Ziel und auf ein sinnvolles Vorgehen, damit das, was wir können, bestmöglich zusammenwirkt.
Zusammenarbeit bedeutet, ein Gegenüber mit Persönlichkeit zu haben.
Wie entwickelt man eine KI mit Persönlichkeit?
Bei der Frage, was eine Persönlichkeit ausmacht und wie man sie digital nachbilden kann, wird es schnell sehr kompliziert ... und auch sehr interessant. Denn hier geht es nicht mehr nur um technische Fragen. Persönlichkeit vermittelt sich über soziale Signale, sogenannte Social Cues, die wir aus der zwischenmenschlichen Kommunikation kennen. Sie dienen dazu, eine gemeinsame Ebene zu finden, auf der wir uns verständigen können.
Kannst du ein Beispiel geben, wie diese sozialen Signale aussehen?
Das findet auf ganz verschiedenen Ebenen statt. Auf der verbalen Ebene geht es um die Form der Sprache, in der die KI schreibt oder spricht, zum Beispiel: Ist der Tonfall formell oder informell, sachlich oder humorvoll? Bei Sprachausgabe kommt die auditive Dimension hinzu: Sprachtempo, Lautstärke, Tonfall – aber auch Laute jenseits der Worte, wie Räuspern, Seufzen oder das berühmte „soziale Brummen“, das Zustimmung, Zweifel oder Überraschung signalisieren kann. Auch das Visuelle kann eine Rolle spielen, wenn ein Avatar verwendet wird: Ist das Bild 2D oder 3D, fotografisch oder illustriert? Wie wird Geschlecht dargestellt, wie Körpersprache und räumliches Verhalten?
Persönlichkeit entsteht über Social Cues – das gilt auch für KI.
Schließlich gibt es eine physische Dimension, etwa das Zeitverhalten: Wie schnell reagiert die KI? Lässt sie eine kurze Denkpause, um zu zeigen, dass sie eine Frage ernst nimmt? All diese und weitere Faktoren beeinflussen, ob wir eine KI als ein „Es“ wahrnehmen – oder als eine Art „Jemand“, mit dem wir ins Gespräch kommen wollen.
Und damit ist die KI dann so ausgestattet, dass sie wirklich in einer Organisation mitarbeiten kann?
Mit der Gestaltung der Persönlichkeit ist es noch nicht getan. Denn auch, wenn wir die Funktion der KI bestimmt und eine Verständigungsebene erreicht haben, fehlt noch etwas Entscheidendes: Qualifikation. In den Projekten, in denen wir mit KI zusammenarbeiten, muss diese fähig sein, ihr Wissen und Können sinnvoll anzuwenden, also konstruktiv im Sinne eines vereinbarten Ziels.
Eine qualifizierte KI weiß nicht nur etwas. Sie weiß, wann und wie sie es einsetzt.
Und schließlich muss die KI ihre Funktionalität in den jeweiligen Kontext einbringen können. Sie muss erfassen, in welchem Umfeld sie sich bewegt, welche Rahmenbedingungen oder Besonderheiten dort gelten, ganz ähnlich wie ein menschlicher Mitarbeitender. Ob in einem Museum, einer Verwaltung oder einer Schule: Sie muss wissen, oder im Zweifel erfragen, was von ihr erwartet wird, was ihre Aufgabe ist und wie sie diese erfüllen kann. Geht es darum, über besonderes Wissen zu verfügen und darüber Auskunft zu geben? Einen Lernprozess pädagogisch zu begleiten? Oder ihre Perspektive konstruktiv in eine Diskussion einzubringen?
Wenn alle Dimensionen stimmen, kann KI wirklich dazugehören.
Wenn wir alle diese Dimensionen stimmig gestalten – Funktion, Persönlichkeit, Qualifikation und Kontextverständnis – können wir eine KI wirklich co-produktiv in eine Organisation und ihre Arbeitsprozesse einbinden und ihr die nötige Akzeptanz verschaffen, damit sie ein integriertes Teammitglied wird.