12.04.2026 Hanke Homburg
- Interview
- Komplexität
„Ich google keine Fragen mehr.“
Ein Gespräch mit meiner 16-jährigen Tochter über Smartphone-Alltag, KI als Selbstverständlichkeit und die Frage, ob hinter den schnellen Antworten die Komplexität noch sichtbar bleibt.
Wir beschäftigen uns bei SynMM in einem interdisziplinären Zusammenhang mit KI — mit Menschen aus Gestaltung, Psychologie, Wissenschaft und Unternehmen. Mich interessiert dabei besonders, wie KI unsere Wahrnehmung von Welt verändert. Für meine Tochter ist sie längst Teil des Alltags. Ich wollte von ihr wissen: Ist KI einfach da und praktisch? Oder gibt es auch Momente von Zweifel an dem, was die KI sagt und zeigt?
Das Smartphone ist einfach immer da
Welche Rolle spielt dein Smartphone für dich an einem normalen Tag?
Ich benutze mein Handy vor allem für Musik und für Kommunikation mit Freunden. An einem normalen Schultag ist das gar nicht so, dass ich die ganze Zeit auf TikTok bin. Morgens höre ich Musik, in der Schule habe ich mein Handy ja nicht, und nachmittags schreibe oder telefoniere ich viel. Aber klar: Es ist einfach immer da. Ich könnte auch mal einen Tag ohne Handy sein — aber nur, wenn ich andere Dinge zu tun habe. Wenn ich einfach nur rumsitze und nichts los ist, dann benutze ich es halt.
Welche Apps nutzt du am meisten?
Spotify auf jeden Fall. Dann TikTok und Snapchat. Bei uns läuft eigentlich fast alles über Snapchat und gar nicht so viel über WhatsApp. Instagram benutze ich deutlich weniger.
KI ist da – aber nicht überall willkommen
Bei Snapchat ist auch KI mit drin. Nutzt du die?
Nee, die habe ich aus meinem Feed entfernt. Die hat mich einfach genervt. Ich benutze die da nicht aktiv, und ich verbinde Snapchat auch nicht mit KI. Da bin ich mit meinen Freunden. Da brauche ich keine KI.
ChatGPT benutzt du aber ganz bewusst?
Ja, schon. Ich habe die App und benutze sie in der Schule und auch außerhalb. Ich google ehrlich gesagt gar nicht mehr so viel. Oder genauer: Ich google keine Fragen mehr. Bei Google suche ich eher nach Personen, Marken oder konkreten Dingen. Aber wenn ich eine längere Frage habe oder etwas genauer erklärt haben will, dann nehme ich eher ChatGPT. Da kann ich einfach reinsprechen, Zusammenhänge erklären, nachfragen und den Verlauf weiterführen.
Was macht ChatGPT für dich besser als eine normale Suche?
Es passt sich besser an. Wenn ich etwas für die Schule brauche, sage ich zum Beispiel: Erklär mir das bitte so, dass es für eine Zehntklässlerin passt und zum Unterrichtsstoff. Dann bekomme ich eher etwas, womit ich wirklich arbeiten kann. Oder bei ganz anderen Sachen — zum Beispiel, wenn es um Haare, Farben oder Produkte geht — kann ich ein Foto hochladen und bekomme etwas, das mehr auf mich zugeschnitten ist.
Zwischen Hilfe und persönlicher Distanz
Gibt es Fragen, die du lieber einer KI stellst als einem Menschen?
Das kommt sehr auf die Person an. Es gibt natürlich Menschen, die ich fast alles fragen würde. Aber manchmal ist KI schon leichter. Ich habe zum Beispiel mal sehr lange über meine Gefühle nachgedacht, über Verliebtsein und so. Ich habe mit Freundinnen und mit Mama gesprochen — aber ich hatte trotzdem das Gefühl, ich will das noch mal anders sortieren. Dann habe ich ChatGPT einen längeren Text reingeredet, und die Antwort war schon hilfreich, weil sie relativ neutral war und trotzdem auf mich eingegangen ist.
Würdest du bei solchen persönlichen Fragen nur die KI fragen?
Nee, nie. Das wäre mir zu fremd. Das Grobe kann man eine KI fragen, aber man sollte trotzdem immer noch mit einer Person reden, die einen kennt und einen in Situationen besser einschätzen kann.
Du sagst manchmal „der“ über ChatGPT. Was ist das für dich — der, die oder das?
Keine Ahnung. Vielleicht auch einfach, weil die Stimme bei mir männlich eingestellt ist. Aber ich merke schon, dass es sich manchmal nicht einfach wie eine App anfühlt, sondern eher wie ein Gegenüber, das antwortet.
Hilfreich – aber nicht automatisch richtig
Wann hilft dir KI wirklich weiter?
Vor allem in der Schule. Es erleichtert schon sehr viel. Man kann sich Dinge gut zusammenfassen lassen und bekommt schnell einen Überblick. Das ist hilfreich. Aber man muss auch ziemlich genau sagen, was man will. Sonst ist die Antwort oft zu allgemein oder geht in eine Richtung, mit der man gar nichts anfangen kann.
Vertraust du dem, was da rauskommt?
Schon — aber nicht immer. Wenn ich merke, dass etwas keinen Sinn ergibt, dann sage ich das auch oder google noch mal. Gerade bei Schulthemen habe ich ja meistens schon eine Ahnung und merke eher, wenn etwas komisch ist. Schwieriger ist es natürlich, wenn man zu einem Thema gar keine Ahnung hat. Dann kann man schlechter einschätzen, ob es stimmt oder nicht.
Glaubst du, dass viele in deinem Alter das genug hinterfragen?
Das kommt total auf die Person an. Aber es gibt schon viele, die Dinge einfach übernehmen. Meine komplette Klasse benutzt KI. Wirklich jeder. Und ich glaube schon, dass es einige gibt, die viel weniger hinterfragen, als sie sollten.
Wenn die schnelle Antwort die Komplexität glatt zieht
KI gibt auf fast alles schnell eine klare Antwort. Fällt dir das auf?
Ja, schon. Man kann Dinge natürlich immer noch viel weiter hinterfragen, aber meistens bekommt man eben schnell etwas, das erst mal schlüssig klingt. Das ist ja auch attraktiv. Ich habe mir zum Beispiel bei persönlichen Themen schon sehr viele Gedanken gemacht, und dann hat ChatGPT mir das in zehn Minuten so zusammengefasst, dass ich dachte: Okay, ja, das macht Sinn. Das ist dann schon irgendwie krass.
Macht dich das eher froh oder eher skeptisch?
Beides. In dem Moment finde ich es gut, weil es hilft und einen auch mal wieder runterholen kann. Aber man wundert sich natürlich schon, warum man selbst so lange über etwas nachdenkt und dieses Ding dann so schnell eine Antwort darauf hat.
Was das mit dem eigenen Denken macht
Glaubst du, dass KI dein Denken verändert?
Bei mir ist das ja nicht von Anfang an so gewesen. Ich kenne auch noch Schulzeit ohne ChatGPT. Deshalb glaube ich, ich würde auch anders klarkommen, wenn es das nicht gäbe. Aber ich merke schon, wie praktisch es ist. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es bei Kindern, die viel früher damit anfangen, noch mal ganz anders ist.
Was meinst du damit?
Wenn du das direkt ab der fünften Klasse oder noch früher ständig benutzt, dann verändert dich das schon. Dann hinterfragst du vielleicht vieles gar nicht mehr so. Ich finde schon, dass man lernen sollte, Dinge selbst zu durchdenken, andere Leute zu fragen und nicht nur sofort eine KI zu öffnen. Eigentlich müsste es dafür zumindest Regeln oder Grenzen geben.
Macht KI einen selbstständiger?
Eigentlich nicht. Also klar, du machst Dinge dann allein, ohne andere Menschen zu fragen. Aber dadurch bist du ja nicht automatisch selbstständig. Du lässt etwas machen, was du theoretisch auch selber machen könntest — oft einfach, weil es schneller geht oder weil man keine Lust hat.
Der Blick auf die eigene Generation
Verändert KI den Blick deiner Generation auf Wahrheit oder auf die Komplexität der Welt?
Ja, bestimmt. Auch da kommt es auf die Person an. Aber wenn du immer eine Antwort bekommst, dann gewöhnst du dich daran. Und wenn du nicht gelernt hast, das zu hinterfragen, dann nimmst du vieles einfach so an. Gerade weil die Antworten oft so klar klingen.
Was ist KI für dich heute, in einem Satz?
Eine App, in der ich meine Gedanken loswerden kann und auf alles eine Antwort kriege.
Und was glaubst du: Was wird KI in zwei oder drei Jahren für uns sein?
Keine Ahnung. Für mich hoffentlich trotzdem einfach eine App. Ich will eigentlich gar nicht, dass das mehr wird als das, was es jetzt ist. So wie es im Moment ist, ist es praktisch. Aber mehr muss es eigentlich nicht sein.
Komplexität verblasst
Vielleicht zeigt sich gerade darin etwas Entscheidendes: KI ist für diese Generation längst kein Zukunftsthema mehr, sondern Werkzeug, Alltagsbegleiter und Gesprächspartner. Sie ist praktisch, schnell, oft hilfreich — und gerade deshalb so wirksam. Die eigentliche Frage ist nicht mehr, ob Jugendliche KI nutzen. Sie tun es längst. Die Frage ist, wie sehr mit dieser Selbstverständlichkeit die Fähigkeit, Komplexität, Grenzen und blinde Flecken hinter den Antworten zu erkennen, langsam verblasst.
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Interview Hanke Homburg & Tochter 21. März 2026, anschließend bearbeitet mit eigenem Kopf und individualisiertem GPT.